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www.rhetorik.ch aktuell: (28. Mai 2003)

Gruppendynamik und Gewalt



Gruppengewalt Durch eine Gruppe begangene Gewalttaten sind oft unverständlich, selbst von einzelnen Mitgliedern der Gruppe. Nach Gewalttaten, wie kürzlich am 17. Mai in Bern begangen, wächst jeweils der Wunsch nach Erklärungen und Präventionsmöglichkeiten.


Teamarbeit hat viele Vorteile. Die Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder können in einem Team besser genutzt werden. Deshalb stimmt die Teamformel: 1+1=3. Leider können kriminelle Gruppen den Synergieeffekt der Teamarbeit ebenfalls nutzen. Hier kann das gruppendynamische Phänomen, das die Verantwortung die Gruppe delegiert, fatal sein:

Am 17. Mai 2003 schlug in Bern eine Gruppe von 17 Jugendlichen einen 40 jährigen Mann brutal nieder, raubte ihn aus und prügelte sogar noch weiter auf ihn los, als er bewegungslos am Boden lag. Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt und liegt immer noch im Komma.


Nach dieser brutalen Tat analysierten und kommentierten die Medien - wie üblich- auch dieses Verbrechen eines kriminellen "Teams". Psychiater, Psychologen, Soziologen mussten als Experten Ihre Meinung kundtun. Die Öffentlichkeit wünschte verständlicherweise sofort Erklärungen auf die Frage: Wie kann es überhaupt zu so einer Tat kommen? Wie bei anderen unverständlichen Vorkommnissen suchten Fachleute denkbare Motive und Begründungen.
Uns überzeugte ein Radiointerview mit Josef Sachs dem Leiter des internen psychiatrischen Dienstes des Kantons Aargau: Auch in Bern waren es keine frustrierten oder notleidenden Arbeitlosen, die den Raub ausgeführt hatten. Die Aussagen der Täter zeigten, dass die Jugendlichen sich vor allem dem Gruppendruck gebeugt hatten. Langeweile war im Spiel. Bei vielen Gewalttaten spielt das Gruppenphänomen eine zentrale Rolle.
Kindersoldaten


Oft sind es gar keine politischen Gründe, die zum Dreinschlagen und Randalieren führen. Ähnlich wie bei Fussballveranstaltungen oder bei den traditionellen Schlägereien in Grossstädten führt Langeweile zu den unverständlichsten kriminellen Handlungen. Es besteht zum Teil eine jahrelange Tradition zu Gewalttaten. Am 1. Mai wurden seit fast 20 Jahren Scheiben eingeschlagen.

Doch gibt es auch Aktionen ausserhalb der offiziellen Kravalltage. Beim Berner Verbrechen ging es eher um eine langfristige Planung. Die Idee eines Einzelnen wird im "Team" diskutiert und gedanklich ausgestaltet, bis die Vorstellung zur Tat reift. Die Ausführung ist dann nur noch die Wiederholung der mehrfach mental verarbeiteten Handlung. Bei der Realisierung fühlt sich der Einzelne gar nicht mehr verantwortlich. Denn die Gruppe hat die Verantwortung übernommen und der Einzelne fühlt sich entlastet.


Unter dem Einfluss des Gruppendrucks ist die Hemmschwelle zu einer schrecklichen Tat tiefer. Wer nach derartigen Verbrechen mit Beteiligten sprechen kann, stellt fest, dass im Einzelgespräch Gewalttäter vielfach sympathische, einsichtige Menschen sind. Während der brutalen unverständlichen Handlung - (obschon eine Person regungslos am Boden liegt, wird ihr rücksichtslos ins Gesicht getreten und weiter auf sie eingeprügelt) - sind sich die Schläger der eigenen Tat erstaunlicherweise völlig bewusst. Doch sie empfinden kaum etwas dabei. Sie handeln "cool", gleichsam gefühlskalt und abgestumpft. Drogen- oder Alkoholkonsum ist in seltenen Fällen der Grund dieser Empfindungsschwäche. Der Gruppendruck verstärkt den Druck zur Ausführung der Tat.
Die Sicherung brennt dann durch, wenn die Einbindung in die Gesellschaft geschwächt ist. Nach Josef Sachs nimmt unsere Umwelt die Gewalt generell weniger wahr. Damit brennt bei Jugendlichen die Sicherung heute rascher durch. Intakte Familienstrukturen, ein gefestigtes soziales Umfeld, könnten extreme Auswüchse dämpfen. Hier würden die erforderlichen Sicherungssysteme erworben.
Quelle: Sonntagszeitung
Quelle: Sonntagszeitung vom 22. Juni, 2003


Die Gesellschaft hat bei der Vorbeugung eine Verpflichtung. Statistiken suggerieren, dass in westlichen Ländern die Jugendgewalt von 1980-1998 zugenommen hat, vor allem bei 12-14 Jährigen. Die Täter seien jünger geworden. Erpressungen, Drohungen und Nötigungen seien bereits bei Primarschülern an der Tagessordnung. Bei körperlicher Gewalt dominiere eindeutig das männliche Geschlecht. Das Gewaltproblem könne nicht allein dem hohen Ausländeranteil zugeschrieben werden, bei Banden und Gruppengewalttaten sei ein höheren Ausländeranteil festgestellt worden. Dank Befragungen von Jugendlichen durch Soziologen und durch Kriminalstatistik weiss man, wie die Delikte von 1980-1998 stark zugenommen haben. Leider fehlen uns neuere Daten von den letzten 5 Jahren. Kritiker behaupten, dass die Statistiken durch eine erhöhte Anzeigebereitschaft verfälscht sind ( zum Beispiel vom kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover).


Unabhängig von der Problematik der Statistiken bleibt die Frage: Wie kann der Gewaltentwicklung begegnet werden?
  • Nicht wegschauen.
  • Der Dialog "Erwachsenenwelt und Jugendliche" darf nicht abgebrochen werden.
  • Lehrpersonen und Eltern müssen Signale und Zeichen setzen.
  • Willkürliche Gewalt muss geächtet und bestraft werden.
  • Jugendliche brauchen Vorbilder, Bezugspersonen, die sich mit ihnen auseinandersetzen.
  • Staatliche Betreuungsstationen sind kein Familienersatz.
  • Einen Sündenbock bezeichnen und hernach nichts mehr tun, bringt nicht viel.
Alle können etwas zu Problematik beitragen: Eltern. Erzieher, Politiker, Medienschaffende. Aber auch die Jugendlichen selbst.
Der Umgang mit Gewalt ist erlernbar, auch verbal:


Nachtrag vom 22. Juni, 2003 Erneut überfiel eine Bande von Teenagern drei Jugendliche. Diesmal in Romanshorn. Ein fünfköpfiges "Team" junger Krimineller hatten am 20. Juni in Romanshorn drei Jugendliche bedroht und ausgeraubt. Die noch unbekannten Täter, angeblich zwischen 15 und 17 Jahren, überraschten die Opfer auf dem Weg zum Bahnhof, drängten sie in eine Hausecke und nahmen ihnen Mobiltelefone und Portemonnaies ab. Sie zwangen ein Opfer am Bancomat sein Konto zu leeren und die Summe von mehreren hundert Franken auszuhändigen.
Nach solchen Vorkommnissen von "verhaltensoriginellen", "verhaltensauffälligen" oder wohl eher "verhaltensgestörten" Jugendlichen mangelt es jeweils nicht an Experten, die sich zu Wort melden:
  • Nach Doris Hengge, Jugendanwältin der Stadt Basel, "spalten diese abgebrühten Täter jegliche Emotionen ab. Es fehlt ihnen der Bezug zur Tat. Sie erkennen die Tragweite ihres Tuns nicht mehr."
  • Christian Cottonini, Leiter des Jugendheims Platanenhofs, stellt oft keine Motive wie Hass oder Bereicherung mehr fest. Langeweile ist vielfach der Nährboden der Handlungen. Josef Sachs, Leiter des Jugendpsychiatrischen spricht von einem "Overkill". Nach seinen Beobachtungen sind gewisse Hemmschwellen verschwunden.
  • Psychologe Allain Guggenbühl vom Institut für Konfliktmanagement führt die Gewaltexzesse auf eine Autoritätskrise zurück. Gewalt werde zu einer perversen Form der Selbstsprofilierung. "Jugendliche suchen jemanden, der sich mit ihnen misst."


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