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rhetorik.ch aktuell: Zur Rhetorik der Fundamentalisten
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www.rhetorik.ch aktuell: (08. Apr, 2010)

Zur Rhetorik der Fundamentalisten

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
DRS 2 Interview vom 8. April, 2010 mit Marcus Knill.
Radio DRS 2 Welche rhetorischen Muster prägen Gespräche mit Fundamentalisten?


Rhetorischer Argumentationsnotstand im öffentlichen Islam-Diskurs?

Gedanken zur Rhetorik der Fundamentalisten:

Muster und Techniken der Fundamentalisten - Weshalb haben religiöse Fanatiker in Diskussionen oft so leichtes Spiel? Wie müssen wir uns bei Mediendiskussionen verhalten? Die Analyse zahlreicher Diskussionsrunden und Filmsequenzen macht bewusst, weshalb extreme Sektierer (Scientologen, Religiöse Sektierer oder wortgläubige Islamisten) meist breit zu Wort kommen und die säkulare Mehrheit sich kaum zu wehren weiss. In Fernsehsendungen, Zeitungsberichten und anderen Medien kommen die fundamentalistischen Exponenten oft recht gut weg.

Ein Beispiel: Die Kopftuch- oder Burkadebatte wird in allen Sendungen von den Fundamentalisten rhetorisch geschickt ins Spiel gebracht. Kopftuch und Burka werden von den Islamisten gleichgesetzt. Im Namen der Religionsfreiheit werden Parallelen zu Kopftuch tragenden Frauen (Walliserfrauen oder schleiertragende Klosterfrauen) gezogen. In der Argumentation wird die Unterordnung der Frau und der Verzicht auf die Selbstbestimmung ausgeklammert. Obschon die Burka im Koran nicht explizit erwähnt wird. Dort heisst es lediglich, die Frauen sollen die Dschallaba tragen, ein Kleid von den Schultern bis zu den Füssen, der Kopf bleibt frei. Diese Zeilen werden aber von den Fundamentalisten als Zwang zum Burka tragen ausgelegt. Wer vermummt ist, kann nicht identifiziert werden. Gangster, Einbrecher und gewaltbereite Demonstranten vermummen sich. In jeder Bank, bei Behörden, am Zoll oder in der Bahn, überall muss man das Gesicht zeigen. Weshalb sollte diese selbstverständliche Offenlegung des Gesichtes nicht verlangt werden? Jüngst sorgte eine burkatragende Autofahrerin für grossen Aerger in den Medien, weil sie nicht gebüsst werden konnte. Auf der Polizeifoto konnte die fehlbare Fahrerin nicht identifiziert werden. Es ist erstaunlich, wie solche Fakten Aspekte in Diskussionen viel zu wenig aufgezeigt werden.

Folgende Muster dominieren die Rhetorik der Fundamentalisten:

  • Das Extreme, die Dogmen werden durch beschönigen und verharmlosen geschickt und gewandt umgedeutet: Aus dem legalen Schlagen der Frauen wird nur ein kleines zahnstocherähnlichens "Stöcklein" benutzt und die Frau wird lediglich leicht geschubst (SF CLUB).
  • Fakten werden unterdrückt: Es wird behauptet alle islamische Redner würden in der Schweiz als Hassprediger bezeichnet.
  • Fanatismus wird mit Weichspülern salonfähig gemacht: Ehrenmorde, Beschneidung von Mädchen, Steinigungen, Bombenterror würde die Schweiz gar nicht betreffen. Viele Aussagen seien Behauptungen und würden bei uns falsch ausgelegt.
  • Einseitiger Toleranzanspruch: Der Koran wird Fundamentalisten wortwörtlich genommen , ohne die geringste Toleranz. Von der Gegenseite wird hingegen Dialogbereitschaft und Toleranz gefordert.
  • Fanatiker beherrschen Lenkungstechniken: Werden frühere Gewalttaten oder Missstände angesprochen, wird sofort das Thema gewechselt. Oder es heisst dann: Wir wollen nicht zurückblicken, schauen wir lieber nach vorn. Damit ist das unangenehme Thema vom Tisch. Werden Widersprüche aufgezeigt (Warum geben Sie keiner Frau die Hand. Weshalb gibt aber der Kollege dennoch die Hand), wird diese unangenehme Frage abgeblockt mit dem Hinweis: Dies ist der Entscheid jedes Einzelnen. Doch niemand hakt nach und will wissen, wo die Grenze der freien Entscheidung im Alltag ist. Das Selbstbestimmungsrecht fehlt sonst bei Fundamentalisten.
  • Begriffe werden neu definiert: Integration wird angeblich bejaht. Wer aber dem auf den Grund geht, merkt: Integration heisst bei den Fundamentalisten lediglich: Die Sprache des Landes erwerben. Alles andere wird abgelehnt. Ein Anpassen an die Sitten und Gebräuche der anderen Kultur wird als Assimilation verworfen. - Bei Vorwürfen "Gewalt gegen Frauen" folgt ein Redeschwall über Gewalttaten der Männer in unserer Zivilisation. Und schon ist das Thema vom Tisch. Das Gegenüber fühlt sich schuldig und hakt nicht mehr nach.
  • Die Unfehlbarkeit des Korans darf niemand hinterfragen. Es gibt keine Interpretation. Die Bedenken - Gewalttätern (Selbstmordattentäter) gegenüber - werden mit dem Argument weggewischt: Das sind nur ganz wenige, denn die Mehrzahl der Gläubigen lehnt terroristische Anschläge ab. Es gibt in der Schweiz keine fanatischen Selbstmordattentäter.
Erkenntnis aus den Diskussionen:

Eine diffuse Angst vor Fundamentalisten schimmert bei allen Diskussionen durch, wenngleich uns die Wortführer der Extremisten weis machen wollen, es sei ja bei uns nichts zu befürchten, rechtlich könne man ihnen nichts vorwerfen. Ich hatte in Berlin Gelegenheit, hinter die Kulissen des Staatssicherheitsdienstes zu sehen. Mich erstaunte es, dass vor allem deutsche Konvertiten gewaltbereit sind, und sich ausbilden lassen, wie man sich für die heilige Sache opfern kann. Ich habe einfache Anleitungen zum Bauen von Bomben gesehen - auch im Internet. Dies gab mir zu denken. Seit einem Vortrag in Schaffhausen von Ulrich Tilgner, der Filmaufnahmen an Kontrollpunkten im Irak gezeigt hatte, kann ich die diffuse Angst der Bevölkerung besser nachvollziehen. Bei Fundamentalisten braucht es nämlich nur ganz wenige Personen um eine Katastrophe zu inszenieren. Das Argument, es gebe nur wenig Extremisten hilft uns heute nicht weiter.

In der Praxis ist es so, dass beispielsweise in Irak kein Soldat oder Polizist an einem Check point Bombenträger festnimmt. Die Kontrolleure wissen ganz genau: Würden sie die Selbstmordattentäter kontrollieren, hiesse dies, mit ihnen in die Luft zu fliegen. Und wer will schon feiwillig umkommen. Man drückt beide Auge zu und der Tilgners Film veranschaulichte, wie Verdächtige problemlos passieren konnten.

Die Öffentlichkeit ist sich heute viel zu wenig bewusst, dass die moderne Technik (Handy, Internet, Sprengstofftechnik) - verbunden mit ideologisch- religiösem Gedankengut brisant ist. Samuel Huntington hat schon 1996 in seinem Buch "Kampf der Kulturen" darauf aufmerksam gemacht, dass Fundamentalismus und moderne Technik ein hochexplosives Gemisch ergeben. "Die Art wie wir mit dem Fundamentalismus umgehen, entscheidet über unser Ueberleben im 21. Jahrhundert", folgerte er. Seit Jahren stellen wir fest, dass die religiöse Rückeroberung mit modernen, neuen Mitteln System hat. Die grössten Mächte scheitern mit ihren Armeen und den modernsten militärischen Mitteln gegen jene Fundamentalisten, die bereit sind, sich für ihren Glauben zu opfern . Gut ausgerüstete Armeen beissen sich seit Jahren an Fundamentalisten die Zähne aus. (Afghanistan, Irak usw)

Worauf beruht der Erfolg des Fundamentalismus?

Mit ihrer einfachen Sicht der Dinge, dem absoluten Glauben an Dogmen wird für die Gläubigen das Leben vereinfacht. Menschen, die im freiheitlichen Raum überfordert sind, erhalten durch die einfachen strengen Regeln Halt. Sie müssen nicht mehr Fragen stellen, nicht mehr nachdenken. Es gibt keine Zweifel mehr. Sie können blind glauben. Wie sollen wir uns in Diskussionen mit Fundamentalisten verhalten? Wer an Gesprächsrunden teilnimmt, sollte sich vor allem sehr gut vorbereiten. Er müsste Fakten sammeln und sollte die raffinierten Dialoge trainieren. Während den Debatten gilt es, gut zuzuhören. Ausweichtechniken und rhetorische Tricks müssen wahrgenommen, erkannt werden. Nennen wir sie beim Namen und entlarven sie. "Fragen statt sagen" ist eine rhetorische Kunst, die man lernen kann. Wenn ausgewichen wird, müssten die Gesprächspartner den Mut haben, auf wichtige Punkte zurückzukommen. In der erwähnten Sendung CLUB über den Fundamentalismus war es vor allem Christine Meier, die es verstand, Ungereimtheiten auszusprechen und konkrete Fragen zu stellen. Bei Dialogen gilt es, Grenzen auszuloten, Widerspräche aufzudecken! Die Forderungen nach einer Parallelgesellschaft (Separate Schulen usw.) werden meist stillschweigend hingenommen. Falls private Schule toleriert würden, wie andere Privatschulen, müssen sie sich auch wie alle andern Schulen hospitieren lassen und die rechtstaatlichen Grundsätze einhalten.

Wir müssen von den Fundamentalisten ebenfalls Toleranz fordern. Ich würde subversiv argumentieren: Anstatt zu sagen: "Was Sie sagen - ist falsch!" würde ich den Gedanken weiter spinnen: "Ich zeige Dir, was Du glaubst" und dies dann konkret aufzeigen. Als Kommunikationsberater wurde ich gefragt: Sollte man den Medien nicht abraten, Fundamentalisten (Militante Islamisten, Scientologen, Evangelikale usw.) zu öffentliche Diskussionen einzuladen? Als Berater weiss ich, dass sich Menschen mit fundamentalistischem Verhalten durch noch so gute Argumente nicht von ihrer Sicht abbringen lassen. Das gilt bei allen fundamentalistischen Ansichten (Politik, Religionen, Gesundheitsfragen). Dennoch bin ich prinzipiell gegen Zensur, Redeverbote, Maulkorbpolitik. Mir ist die Meinungsfreiheit ein wichtiges Gut. Doch gibt es dort Grenzen, wo eine Bewegung einer kriminellen Vereinigung angehört.



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