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www.rhetorik.ch aktuell: (25. Mai - 29 August, 2001)


Sepp Blatters Ausweichtechniken (I)

(Eine Fortsetzung findet sich in Aktuell März, 2, 2002).

Quelle: http://www.cies.ch Nach den ersten Korruptionsvorwürfen wollte sich der Fifa Boss Sepp Blatter von den Medien nicht unter Druck setzen lassen. Als der Druck zu gross wurde, stellte er sich am Freitag, den 25. Mai doch noch den Journalisten an einer Medienkonferenz. Er setzte sich in Zürich mit den Bestechungsversuchen gegen seine Person bewusst auseinander. Blatter versuchte offensiv - mit der Flucht nach vorn - die Chance zu nutzen.
Wir erlebten jedoch beim Auftritt ein Musterbeispiel, wie mit Antworten ausgewichen werden kann. Zuerst wies Blatter die Vorwürfe generell zurück:
"Ich habe nie versucht, jemanden zu bestechen. Ich bin auch absolut nicht bestechlich. Ich würde diese Aussage auch unter Eid machen."
Auf die Frage nach Zahlen, Fakten und Belegen, folgte eine Kette geschickter "Nichtantworten": Rhetorikanalytiker finden hier ein Füllhorn von Ausweichstrategieen, die als Antworten wenig überzeugen:
"Ich mag nicht, wenn man mir Vorwürfe macht".
Es genügt nicht, Vorwürfe mit der Bemerkung vom Tisch zu wischen: "Wir mögen das nicht!".
"Schauen Sie mir in die Augen!"
Genügt ein Blick in die Augen als Tatbeweis?
"Kommen Sie zu mir an die Fifa. Ich zeige Ihnen Dokumente - aber ehrlich- ehlich offen - Kommen Sie!"
Niemand weiss bei dieser Antwort, was dann gezeigt würde. Wer das "ehrlich gesagt" immer wieder betonen muss, suggeriert, dass er es sonst nicht unbedingt ehrlich meint. Siehe Beitrag "Ehrlich gesagt".
"Was meinen Sie, wie ich dastehe- mit meinen 1300 Diensttagen - Sie wissen nicht, was ein Schweizer Offizier - im Range eines Regimentkommandanten also - so nicht - ich nicht - ich sicher nicht!"
Der Umstand, das jemand Regimentskommandant ist, genügt nicht als Vertrauensbeweis.
"Ich mache meine Arbeit so nahe meines Gewissens - eines Oberwalliser Berglers - und im Grund genommen sind wir einfache Leute und - Wir mögen es nicht, wenn man uns Vorwürfe macht".
Ist ein Walliser unantastbar? Das Argument "Ich gehöre zu den einfachen Leuten" (was übrigens bei Blatter zu bezweifeln ist) will den Zuschauern beliebt machen: Wenn ihr mir etwas anhaftet, macht ihr etwas gegen die Walliser Bevölkerung. Das WIR ist bewusst gewählt. Mit "Wir Walliser haben es nicht gern", spricht Blatter im Namen aller Walliser. Auch diese Antwort ist eine billige Ausweichstrategie.
Nur in einer Antwort räumte Sepp Blatter ein. dass in den 26 Jahren, die er für die Fifa arbeitete, Versuche unternommen wurden, ihn zu beeinflussen "Versuche, die man vielleicht als Bestechung bezeichnen kann."
Blatter mit Fussball Bei diesem Beitrag geht es nicht darum, Sepp Blatter zu beschuldigen. Wir haben lediglich das Antwortverhalten genauer beleuchtet und festgestellt:
Die Antworten an der Medienkonferenz überzeugten nicht. Das betrifft auch die Stimme, den Tonfall, das "Wie" der Formulierung, das Verhalten, die Körpersprache. Möglicherweise ist die Geschichte mit dieser Medienkonferenz noch nicht abgeschlossen. Das Spiel könnte in die Verlängerung gehen.
Fazit. Wer bei einer Medienkonferenz antwortet, muss mit dem "Wie und Was" überzeugen können. Er werden auch konkrete Antworten erwartet.
Nachtrag vom 18. Juni, 2001. Blatter, Sonntagszeitung fragt: hilft beten noch? In einer Sportsendung (SF DRS) wurden fragwürdigen Gegebenheiten rund um Blatters FIFA Tätigkeit in einem Filmbeitrag zusammengeschnitten. Die Antwort von Sepp Blatter war wiederum geschickt ohne konkrete Aussage. Er fand den Beitrag zwar einseitig und ergänzte hierauf:

Man müsste im Film auch all meine vielen guten Verdienste auflisten.

In der Antwort kam zudem der abgedroschene Hinweis: "Als Walliser..." Die zitierte Antwort zählt ebenfalls zu den bereits erwähnten Nichtantworten. Zusätzlich hat diesse Nichtantwort eine explizite und eine implizite Seite.
Explizit sagte Blatter damit, man müsste auch die guten Seiten auflisten. Doch die implizite, versteckte Aussage lautete auch:
Das was gezeigt wurde ist schon richtig, nur einseitig. Man müsste lediglich auch noch die positiven Seiten zeigen.
Indirekt bestätigt er damit die negativen Sequenzen. Ob dies Sepp Blatter gemerkt hat?
Auch bei diesem Nachtrag urteilen wir nicht über Schuld oder Unschuld. Wir beleuchten lediglich ein Detail, das es zu beachten gilt, wenn wir mit unzulässigen Vorwürfen konfrontiert werden.
Fazit: Falls Behauptungen nicht stimmen und dementiert werden müssen, muss dies zuerst durch ein deutliches Stopsignal geschehen: Mit einem deutlichen Nein: "Was Sie da zeigten, stimmt nicht! .....".



Nachtrag vom 29. August:

Hier sind zwei weitere Beispiele flexibler "Halb-Antworten" von Sepp Blatter: gegeben in einem auführlichen Interview (Sonnags-Blick Magazin vom 26. Aug, 2001).
Ex Nationalrat Ernst Muehlemann, Photoquelle http://www.politik-digital.ch Auf die unzimperliche Frage von Alt-Nationalrat Ernst Mühlemann:
"Als der Herrgott Schlitzohren verteilt hat, ist Sepp Blatter ganz vorme gestanden, oder?"
antwortete Blatter im Interview:
(lacht) "Ich weiss nicht. Gut, wenn das ein Kompliment ist."
Diese Antwort veranschaulicht uns: Nonverbales (Lachen) signalisiert: Die Frage wird auf die Ebene des "Nicht-ernst-nehmens" verlegt. Das "GUT" kommt zwar einer Bejahung gleich. Doch mit einer geschickten Einschränkung:
Nur wenn Schlitzohrigkeit positiv belegt ist (im Sinne von raffiniert, geschickt, klug). So war jedoch der Begriff von Mühlemann bestimmt nicht gemeint. Damit hatte Blatter mit wenigen Worten den Vorwurf der "Schlitzohrigkeit" elegant beseitigen können. Die Thematik war vom Tisch.

Auf die Frage :
"Sie selber standen auch am Rande einer Niederlage, als nach dem Finanzdebakel der Fifa Marketingfirma ISL, die Uefa auf Sie losging und an Ihrem Stuhl sägte."
Antwort Blatters:
"Das war keine Niederlage. Das war nur das Abdrängen des Angriffs auf die eigene Hälfte."

Diese Antwort tönt vorerst recht gut. Die angebliche Niederlage wird klar negiert. Sie hat nur einem kleinen rhetorischen Fehler: "Niederlage" dürfte in der Antwort nicht wiederholt werden. Mit der Wiederholung des negativ besetzten Wortes, rückt das Wort Niederlage ins Langzeitgedächtnis. Besser wäre gewesen:
"Stimmt nicht.......(Dann sofort sagen, wie es war)

Der zweite Teil der Antwort wurde beim Publikum überhaupt nicht verstanden. Wir haben diese Vermutung überprüft. Die Antwort Blatters haben wir nachträglich verschiedenen Menschen zum Lesen gegeben und dann gefragt: Was meinte Blatter mit dem Satz: "Das war nur das Abdrängen des Angriffs auf die eigene Hälfte"? Dieser Gedanke bieb bei allen Lesern vollig unklar (obschon die Befragten das ganze Interview nachlesen konnten). Für die Leser blieb somit diese Teil-Antwort Blatters ein "Nebelsatz". Es fehlt:
  • Wer drängt ab?
  • Was wird abgedrängt?
  • Auf welche Hälfte wird abgedrängt?
  • Was meint Blatter mit dieser Aussage überhaupt? (konkret?)
Trotzdem beeindruckte erstaulicherweise die Antwort. Denn beim oberflächlichen Lesen hatten alle zuerst das Gefühl, Blatter antwortet recht souverän.
Fazit. Mit der beschriebenen Technik - bei heiklen Situationen unklar oder mit schöntönenden aber hohlen Phrasen zu reden - bestehen viele Politiker die heikelsten Fragen.
In solchen Fällen liegt es jedoch am geschulten Interviewer, sofort nachzugreifen und alle vagen, aber schöntönenden Aussagen, zu klären und "Nichtantworten" oder "Halbantworten" zu entlarven. Es zeigt sich bei diesem Interview einmal mehr: Zwischen Profis und Pseudojournalisten liegen Welten.
Für Blatter ging deshalb in diesem Fall die Rechnung wieder einmal auf. Die "Schlitzohrigkeit" hatte sich gelohnt. Weshalb? Die Masse glaubt immer noch, Blatter habe im Interview aussagekräftig geantwortet.
Die Geschichte hat eine Fortsetzung.
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