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«Meteo-Rhetorik» und Kachelmanns Verhalten
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06 Juni 2010
Vielleicht war er noch nie so berühmt wie jetzt: der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann sitzt seit rund
zwei Monaten in einem Mannheimer Gefängnis. Der Vorwurf: Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall.
Kann sich Deutschlands berühmtester Wetterfrosch juristisch und verbal überhaupt noch retten?
Text: Marcus Knill* Bild: Ringier Specter
«Meteo-Rhetorik» und Kachelmanns Verhalten
Medienrhetorik
Jörg Kachelmann schuf vor einigen Jahren ein
neues Meteo-Vokabular. Anstelle der stan-
dardisierten Wetterberichte sprach er als Ers-
ter von «Blumenkohlwolken» (Kumuluswol-
ken) und vom «Schweizer Hoch» am
deutschen Fernsehhimmel. Regen nannte er
«Schiff». Er schuf aus trockenen Wetterprog-
nosen mit grossem Engagement ein beliebtes
«Wettertainment». Den Medien und den Zu-
schauern gefiels. Seine Prognosen wurden im
Internet bis zu 400 000-mal angeschaut.
Ihm eiferten viele Moderatoren als dem Pi-
onier der neuen Meteo-Rhetorik nach. Junge
Meteorologen übernahmen Kachelmanns
blumige Sprache und suchten ebenfalls über-
raschende Analogien. Leider kamen oft auch
unpassende oder falsche Vergleiche. Ich ver-
zichte auf eine Auflistung solcher Beispiele,
denn Winde können beispielsweise nicht
«schlürfend» sein. Nachdem ich über längere
Zeit die Rhetorik der Wetterfrösche verfolgt
hatte, stellte ich fest, dass die neuen Meteo-
Moderatoren immerhin ein wichtiges Prinzip
der Medienrhetorik bewusst machten: Verben
sind griffiger als Substantive!
Zurück zu Jörg Kachelmann
Es ist bei seinen Medienerfolgen nicht ver-
wunderlich, dass der beliebte, urige Medien-
profi nach seiner überraschenden Verhaftung
einem «Medientsunami» ausgesetzt und als
Wetterfrosch mit einem Taifun von Beschuldi-
gungen konfrontiert wurde. Die Zurückhal-
Im Auge des Gesetzes: Wetterfrosch Kachelmann.
* Marcus Knill (www.knill.com) ist Experte für Medienrhetorik.
Er ist auch Autor des bekannten virtuellen Buches www.rhetorik.ch.

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Medienrhetorik «Meteo-Rhetorik» und Kachelmanns Verhalten kommunikation
en hart ins Gericht. Er ist erstaunt: «Tatsächlich
bedenklich ist aber die Art und Weise, wie zahl-
reiche Medien in Deutschland und der Schweiz
in die Privatsphäre von Kachelmann und dem
mutmasslichen Opfer eingedrungen sind.»
Dass Menschen mit Beschuldigungen «fer-
tig» gemacht werden können, ist bekannt. (Ich
erinnere an den Fall des vorverurteilten Me-
dienmannes Andreas Türck. Obschon das Ver-
fahren mangels Beweisen eingestellt worden
war, lag Türck am Boden. Es ging auch bei ihm
um eine angebliche Vergewaltigung.) Ander-
seits hat bei Beschuldigungen die Polizei alle
Anzeigen ernst zu nehmen. Auch haben die
Medien eine Informationspflicht, doch sollten
sie nur Sachverhalte wertfrei beschreiben. Der
ARD, welche die Verhaftung ihres Mitarbei-
ters ausgeklammert hatte, wurde postwendend
vorgeworfen, der Sender würde etwas vertu-
schen. Wenngleich Medien nicht vorverurteilen
dürfen, müssen sie über eine derart überra-
schende Verhaftung berichten, vor allem bei
einer Person von öffentlichem Interesse. Beim
überraschend grossen Medienevent nach der
Verhaftung Kachelmanns kam es in der Me -
dienlandschaft zu einer Eigendynamik und zu
einem Dominoeffekt. Übrigens: Die Öffent-
lichkeit hat nach der Verhaftung selten ein so
grosses Medienecho erlebt. Die Kachelmann-
Story – ob wahr oder nicht – hatte von Anfang
an alle Voraussetzungen für eine typische Bou-
levardgeschichte: Promi – Sex – Gewalt – Emo-
tionen (Blut, Tränen, Sperma).
Zum permanenten Lachen vor der Presse –
eine ausführlichere Analyse
Als Kachelmann erstmals den Fotografen vor-
geführt wurde, strahlte er ständig wie ein
Glückspilz. Für mich wirkte dieses Lachen
aufgesetzt: ein Schutzverhalten? Es gibt tat-
sächlich das Lächeln als «Beisshemmungsver-
halten» – als Schutz. Zum Beispiel von Kin-
dern, die in der Schule von einem Lehrer laut
kritisiert werden. Dann schützen sie sich mit
einem Lächeln, in der Hoffnung, man werde
dann weniger «gebissen».
Die Psychologie spricht in solchen Fällen
von sozialem Lächeln. Es ist ein Beziehungsan-
gebot und signalisiert Botschaften wie bei-
spielsweise: «Tu mir nichts, dann tu ich dir auch
nichts.» Normalerweise gibt es aber in einer Si-
tuation, wie sie Kachelmann erlebte, nichts zu
lachen. Innerlich musste er verunsichert sein.
Als prominenter Sympathieträger und erfolg-
reicher Unternehmer wurde er plötzlich öf-
fentlich mit gravierenden Vorwürfen konfron-
tiert. Seine Verunsicherung wollte er mö g -
licherweise mit dem Lächeln überspielen.
Bei Jörg Kachelmann sehe ich das perma-
nente Lachen aber vor allem als Strategie: als
ein inszeniertes Lachen vor den Medien. In
der Regel kommt nur situatives, echtes La-
chen im Alltag gut an. Obschon inszenierte
Spielchen selbst von Laien durchschaut wer-
den und das künstliche Lachen Kachelmanns
von den Zuschauern sofort als aufgesetztes
Verhalten erkannt wurde, rechne ich damit,
dass der lachende Gesichtsausdruck Kachel-
manns in der Öffentlichkeit dennoch eine
positive Wirkung hat. Das wissen alle Ver-
käufer. Ein Geschäftsmann sagte mir vor
Jahren: Ohne Lachen kannst du nichts ver-
kaufen! Lieber ein aufgesetztes Lächeln als
eine echte saure Miene. Ich kann mir gut vor-
stellen, dass dem «Medienopfer» geraten
wurde, ein permanentes Lächeln aufzuset-
tung der Sender ARD und SF im Fall Kachel-
mann konnte den gewaltigen Ansturm der
Medien nicht bremsen. Im April analysierte
ich im «persönlich» schon einmal Jörg Ka-
chelmann und zeigte, wie er nachträglich ver-
suchte hatte – mithilfe von Juristen – unliebsa-
me Texte aus dem Internet zu löschen. (Viele
Medien kolportierten, dass sich Kachelmann
im Spätherbst 2007 gebrüstet habe, bei 120 Ki-
lometer Geschwindigkeit auf der Autobahn
Sex gemacht zu haben – ohne dabei zu verun-
fallen. Erst nach drei Monaten gingen Kachel-
manns Anwälte auf einige Plattformen los,
weil diese medienträchtige Aussage angeblich
falsch interpretiert worden sei.)
Es interessierte mich sehr, heute zu verfol-
gen, wie sich der mediengewandte Wetter-
frosch in einem aussergewöhnlichen Me-
diensturmtief verhält. Es war spannend zu
beobachten, wie er sich medienrhetorisch ver-
hält, nachdem er von den Medien tagelang ei-
nem orkanartigen Gegenwind ausgesetzt war.
Dass eine Person dermassen vorverurteilt
wird, beanstandete als Erster der Berliner Me-
dienanwalt Christian Schertz. Er hat der Staats-
anwaltschaft eine öffentliche Zurschaustellung
von Jörg Kachelmann vorgeworfen. «Der Staat
hat eine unbedingte Schutzpflicht, auch für den
Beschuldigten, dass er nicht ohne Not in einer
für ihn unwürdigen Situation abgebildet wird.»
(Ich zitiere die SonntagsZeitung vom 28. März
2010.) In Deutschland und in der Schweiz hat
die Causa Kachelmann eine Mediendiskussion
ausgelöst. Die ARD, Kachelmanns grösster Ar-
beitgeber, erwähnte in ihrer «Tagesschau» den
Fall mit keinem Wort. Dasselbe gilt für das
Schweizer Fernsehen. Der Zürcher Medien-
professor Heinz Bonfadelli ging mit den Medi-
1/4 Inserat quer rechts
Covermedia
AnzEIGE

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zen. Mit dem Ziel, dass die Fotografen nur
Bilder schiessen können mit einem lächeln-
den Kachelmann. So wirkte er denn auch auf
allen Fotos überlegen und nicht niederge-
schlagen, was als mögliches Schuldeinge-
ständnis hätte ausgelegt werden können. Zu-
dem hat sich der Medienprofi (auf Anraten
seines Verteidigers?) rasiert und wirkte da-
durch als Saubermann. Eine Juristin wies
mich auf ein beachtenswertes Detail hin: Ka-
chelmann trug vor den Kameraleuten – deut-
lich sichtbar – ein quergestreifes T-Shirt un-
ter der Jacke. Man könnte sich gut vorstellen,
dass er sich damit über den Knastaufenthalt
lustig gemacht hat.
Zum Botschaftenmanagement
Während des Spiessrutenlaufes vor den Me-
dienschaffenden wurde Jörg Kachelmann ge-
fragt: «Wie geht es Ihnen, Herr Kachelmann
Seine Antwort hatte nur EINE Kernbotschaft:
«ICH BIN UNSCHULDIG! Das ist im Moment
alles, was sich zu sagen habe. Danke!»
Auch diese EINdeutige Botschaft war sicher-
lich vorbereitet. Sie war wirkungsvoll. Es gab
nur EINE Kernbotschaft: EINfach, aber auch
EINdrücklich: «Ich bin unschuldig!» Diese
kurze Sequenz wurde in allen Medien kolpor-
tiert, gesendet oder gedruckt und damit x-mal
vervielfacht. Diese Inszenierung veranschau-
licht uns: Der Medienprofi plante den Auftritt
vor Kamera und Mikrofon eingehend und war
sich bewusst, dass man bei jedem Medienauf-
tritt die Chance nutzen kann. Persönlich hätte
ich die Aussage nicht während des Gehens ge-
macht. Ich wäre kurz stehen geblieben, um
meine Kernbotschaft zu platzieren. Doch
störte mich in diesem Fall die lockere Art des
Sprechers während des Schreitens nicht.
Kachelmann: Ein Organisationsgenie im
Managen der Kommunikation mit seinen
Geliebten? Ich zitiere Blick: Rundmails für
14 «Lausemädchen»
«Die Rede war bisher von sechs Frauen, nun
sind es bereits 14: Jörg Kachelmann soll eine
ganze Liste mit ‹einzig wahren Freundinnen›
gehabt haben. Alle trugen denselben Spitz-
namen ‹Lausemädchen›, das vereinfachte
die Kommunikation.»
Kommentar
Selbstverständlich gilt beim angeklagten Wet-
termoderator nach wie vor die Unschuldsver-
mutung (solange keine Verurteilung vorliegt).
Was immerhin heute zutage tritt: Kachelmann
muss eine Fähigkeit besitzen, mit mehreren
Geliebten gleichzeitig zu kommunizieren,
ohne dass die Geschichte aufflog. Clever war
die analoge Anrede «Lausemädchen» aller
Frauen. Damit vermied er eine verräterische
Verwechslung. Es ist erstaunlich, wie lange ein
Liebhaber mehrere Freundinnen gleichzeitig
betreuen kann, ohne dass die Sache auffliegt.
So gesehen muss Jörg Kachelmann nicht nur
ein guter Meteorologe sein, sondern auch ein
cleverer Kommunikationsmanager von Lie-
besbriefen.
Fazit
Die Wetterikone Kachelmann ist und bleibt
ein Phänomen. Ob er die Wahrheit über sein
Verhalten gesagt hat, weiss nur er selbst und
seine Partnerin. Aber es bleibt eben immer et-
was hängen. Schon deshalb hätte ich auf das
Dauerlächeln verzichtet. Angesichts der
schweren Anklage wäre zudem ein ernsteres
Wort angemessener gewesen.
Der Umgang Jörg Kachelmanns mit den
verschiedenen Frauen, die für ihn geschwärmt
haben, ist Privatsache. Die Staatsanwaltschaft
hat jetzt Klage erhoben, trotzdem ist Jörg Ka-
chelmann immer noch als unschuldig zu be-
trachten. Was ich mich dennoch frage: Welche
kommunikativen Fähigkeiten machten den
ARD-Moderator bei Frauen so unwidersteh-
lich? Er soll mit allen Partnerinnen seine Mut-
ter besucht haben und schaffte so Vertrauen.
Obschon er Partys stets allein besucht hatte
(verständlicherweise) und sich nie mit den
Frauen fotografieren liess. Vor Gericht wird es
sicher bei Jörg Kachelmann – wie damals bei
Andreas Türck – ein Glaubhaftigkeitsgutach-
ten geben. Türck wurde vor Gericht vom Ver-
gewaltigungsvorwurf freigesprochen, weil die
Klägerin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
die Wahrheit gesagt hatte. Bei Jörg Kachel-
mann ist der Fall nicht so einfach, weil es meh-
rere Klägerinnen gibt. Vor Gericht spielt be-
kanntlich die Glaubwürdigkeit einer Person
keine zentrale Rolle. Es zählt nur, wie glaub-
würdig deren Aussagen sind. Bei der Medien-
rhetorik ist hingegen beides – das Image einer
Person (Wirkung) und die Glaubwürdigkeit
ihrer Aussage – ausschlaggebend.
Glückliche zeiten: Kachelmann vor seinem Studio im Appenzellerland.